Das Musaeum Kircherianum (Book review in German)

English Summary: Athanasius Kircher’s work has been the center of many new media theories. In her new book, based on years of research, Angela Mayer-Deutsch reconstructs the basis of the Musaeum Kircherianum. Hereafter, you find the book review, by Peter Bexte from the Kunsthochschule für Medien in Cologne.

Angela Mayer-Deutsch: Das Musaeum Kircherianum. Kontemplative Momente,
historische Rekonstruktion, Bildrhetorik, Zürich: diaphanes 2010.
ISBN-10: 3-03734-115-7, 336 S, EUR 29.90

Rezensiert von Peter Bexte, Kunsthochschule für Medien Köln

Das Werk Athanasius Kirchers hat in den letzten 50 Jahren eine Vielzahl
von Publikationen provoziert. Dabei lässt sich bemerken, in welch hohem
Maße gerade dieses Werk von den Zusammenhängen abhängt, in die es
jeweils gerückt wird. Seit 1964, und das bedeutet hier: seit der
Giordano-Bruno-Publikation von Frances A. Yates, ist Kircher gern in
eine Tradition der Hermetik und des Okkultismus gestellt worden [1]. Ob
dies ein hinreichender Erklärungsrahmen ist, kann bezweifelt werden.
Ferner verbergen sich in der internen Relation von Kirchers Publizistik
zu seinen Sammlungen eine Reihe von Unklarheiten. Dies ist teils
historisch begründet, insofern die Exponate zerstreut wurden und
schlecht dokumentiert sind. Zum anderen Teil aber gehört es zur Sache
selbst. Kircher schuf zwischen Büchern und Objekten ein schwankendes
Verhältnis: einerseits dicht verbunden, andererseits sehr verschieden
behandelt. „Katalog und Museum gehen nie restlos ineinander auf“ (S.
205).
Das Buch von Angela Mayer-Deutsch über das ‘Musaeum Kircherianum’
thematisiert Differenzen und findet hiermit den glücklichsten Zugang zu
weit reichenden Klärungen. Es handelt sich um eine bemerkenswerte
Publikation. Sie fußt auf einer mehr als zehnjährigen
Auseinandersetzung und bündelt die immense Literatur zu Kirchers
Sammlungen nicht nur, sondern geht darüber hinaus. Das Buch gliedert
sich in drei große Abschnitte. Im ersten wird eine präfigurierende
Einstellung gewonnen (‘kontemplative Momente’), im zweiten geht es um
die Sammlungsobjekte (‘historische Rekonstruktion’); im dritten
schließlich wird die spezifische Form dieses Zeigens expliziert
(‘Bildrhetorik’).
Der Text basiert auf Ausstellungserfahrungen, und dies ist wichtig.
Manches Kirchersche Objekt wird erst dort verständlich, wo es sich auch
ehemals befand: neben der Bibliothek. Dort haben die
Kulturwissenschaften in den letzten Jahren mit viel Aufwand ‘Objekte’
entdeckt – was aus museologischer Sicht erheiternd wirkt.
Wohltuenderweise hat Angela Mayer-Deutsch ein Latour-freies Buch
geschrieben. Sie beginnt mit dem ‘Horoscopium Catholicum Societatis
Iesu’, dem Bild einer Weltzeituhr aus vielen Sonnenuhren (S. 11 und S.
240ff.). Erst durch museale Nachbauten in Stanford 2001 und in Bonn
2005 wurde deutlich, dass die Schatten der Sonnenuhrzeiger sich zum
Schriftzug ‘IHS’, dem Kürzel des Jesuitenordens, verbanden. Damit trat
zweierlei in Erscheinung: erstens ein jesuitisches Moment, das
argumentative Folgen zeitigen wird; und zweitens die Bedeutung von
Wahrnehmung. Es geht hier weniger um eine ‘materielle Praxis’, als
vielmehr um Wahrnehmungen, in denen das Gemeinte allererst stattfindet.
Auch dies hat Folgen und führt auf das Gebiet der ‘Propaganda Fidei’
sowie der Rhetorik.

Ausstellungen
In den vergangenen zehn Jahren hat es mindestens vier große
Ausstellungen gegeben, in denen es um Kirchers Sammlungen zu tun war:
zwei in den USA und zwei in Europa [2]. Angela Mayer-Deutsch war in die
Projekte Rom 2001 und Bonn 2005 involviert. Der zweite Teil ihres
Buches fußt auf Eugenio Lo Sardos Versuch von 2001, Kirchers
Sammlungsobjekte zu rekonstruieren. Wer die damalige Ausstellung im
Palazzo di Venezia gesehen hat, wird sich erinnern, wie der hoch
gespannte Anspruch in den teilweise gebastelt wirkenden Nachbauten
nicht recht eingelöst wurde. Vor allem aber waren die Behauptungen über
Zuordnung und Verbleib der Objekte nicht immer nachvollziehbar.
Trotzdem hat die Ausstellung einen wichtigen Forschungsimpuls gegeben.
Er wirkt in diesem Buch nach.
Die Autorin hat erneut und im Detail erörtert, was über Kirchers
Sammlungen im Einzelnen gesagt werden kann. Was ist mit Sicherheit
bekannt und was kann nur mit einem gewissen Grad von Wahrscheinlichkeit
behauptet werden? Was ist auszuschließen? Was ist schlichtweg nicht zu
klären? All dies sind Grundfragen einer positivistischen Forschung, die
hier überzeugend durchgeführt wird – bei klarem Bewusstsein, dass dies
allein zu kurz greifen würde. Wer immer sich mit dem ‘Musaeum’ befasst,
gerät eben nicht nur an ‘Dinge’ mit einem ‘Kontext’, sondern an
zirkulierende Formen einer symbolischen Ordnung, die sich vorübergehend
verdinglichen. Der Verweis auf Stephen Greenblatts Konzept einer
‘Circulation of social energy’ wirkt sinnvoll (S. 205); dieser Punkt
ist sehr anschlussfähig und kann weitere Diskussionen ermöglichen [3].

Figuratives
Auf den Schwellen zu Kirchers Werken begegnen uns sinnbildliche
Figuren, die je verschieden aktualisiert werden können. Ingrid Drake
Rowland hatte 2000 die Bedeutung des Harpocrates betont, des kindlichen
ägyptischen Gottes, der den Finger auf die Lippen legt, um zu
verschleierter Rede anzuhalten [4]. Angela Mayer-Deutsch dagegen
entwickelt ihre Leitfigur aus dem Bild des Atlas-Herkules, wie er auf
dem Frontispiz zu De Sepibus ‘Musaeum Celeberrimum’ (1678) dargestellt
ist. Die Bedeutung dieser Doppel-Figur wird ikonographisch schlüssig
entwickelt, und zwar im Sinne einer Überlagerung von ‘vita activa’ und
‘vita contemplativa’ zur Gestalt des Sinnenden. Herkules ist zudem mit
dem ‘lapis Herculaneum’ verbunden, d.h. mit dem Magnetstein, der von De
Sepibus 1678 als Kernstück der Sammlung bezeichnet wurde. Der
kontemplative Aspekt der Atlas-Herkules-Figur schließt bündig an die
Lehren des Ignatius von Loyola an. Die in jesuitischen Exerzitien
eingeübte Kontemplation wird von Mayer-Deutsch als adäquate Form der
Wahrnehmung in der Wunderkammer bestimmt: ‘Sammlung’ im Doppelsinn des
Wortes. Und damit verlässt das Buch die seinerzeit von Frances A. Yates
vorgegebenen Pfade.

Wahrnehmungen
Kernstück des Buches ist die kritische Überprüfung der Exponate des
‘Musaeums’. Hierzu hat die Autorin nicht nur die Angaben bekannter
Texte ausgewertet, sondern auch neue, bislang nicht edierte Quellen
erschlossen. Die Tagebücher englischer Reisender erweisen sich als
aufschlussreich und werfen manches neue Licht auf das Verhältnis von
Royal Society und Kircher. Insgesamt ergibt sich ein beeindruckend
detaillierter Blick auf das, was man heute von Kirchers Dingen wissen
kann. Die Lektüre ist heilsam ernüchternd. Wer in Zukunft von diesen
Sammlungen sprechen will, wird an der von Angela Mayer-Deutsch
geleisteten Aufarbeitung nicht vorbeikommen.
Dabei mag es Kircher-Forschern wie Leibniz-Editoren ergehen ─ ein
Scheitern an dem fragmentierten Chaos der Überlieferung ist nie ganz
ausgeschlossen. Angela Mayer-Deutsch hat den Mut gehabt, dieses Risiko
einzugehen. Streckenweise arbeitet sie mit drei verschiedenen
Ordnungssystemen (De Sepibus 1678, Bonanni 1709, Mayer-Deutsch 2010),
die jeweils eine Vielzahl von Objekten enthalten, die wiederum
untereinander sowie mit heutigen Museumsbeständen verglichen werden
usw. Unter diesen Voraussetzungen kann bei der Lektüre ihres Buches
durchaus einmal der Überblick verloren gehen. Mitunter fragt man sich,
ob eine Tabelle bzw. etwas elektronisch Verlinktes hilfreich gewesen
wäre? Oder käme man damit allein ins nächste Labyrinth?
Ein entscheidendes Verdienst des Buches liegt darin, den polyvalenten
Status der Kircherschen Sammlungen von Anfang an klar ins Auge, d.h.
ins Wahrgenommen-Werden zu fassen. Damit geraten die ‘Dinge’ in einen
reizvollen Schwebezustand voller Anschlussmöglichkeiten. Noch die Uhren
werden gleichsam zu Wolken (um ein Bild Karl Poppers aufzugreifen).
Hier kommt dem Text zu Gute, was Angela Mayer-Deutsch vorab in einer
Reihe von Aufsatzpublikationen zu Kirchers Frontispizen erarbeitet
hatte. Das Schlusskapitel basiert darauf und bietet eine Fülle subtiler
Bemerkungen zum Raffinement der Bildrhetorik und zum Spiel der
Möglichkeitsräume. Diese entfalten sich in Bildern und als Bilder, die
vermutlich weit über alles hinausragen, was auf den dunklen Korridoren
des Collegio Romano je zu sehen war.

Abbildungen
Das Buch bietet eine Vielzahl von Abbildungen, teils innerhalb des
Textes (dort auch ganzseitig gedruckt), teils in Gestalt von
angehängten Tableaux (S. 311-336). Auf letzteren finden sich 149
Objekte abgebildet, darunter manche in mehreren Darstellungen, sowohl
im Kupferstich wie im Foto (wo dies möglich ist). Im Hinblick auf das
Buchformat wurden die zu Tableaux zusammengefassten Bilder leider bis
an die Schmerzgrenze verkleinert. Man würde sich und der Autorin einen
Quartband mit großen, ausklappbaren Tafeln wünschen! Eine gewisse
Vorsicht vor Rückschlüssen ist überdies geboten. Am Bild steht jeweils
nur eine Nummer, ohne Verweis zur zugehörigen Textstelle. Man erfährt
an dieser Stelle also nicht, welche Objekte gesichert aus dem ‘Musaeum
Kircherianum’ stammen, welche zu den ungesicherten Dingen oder zu den
Vergleichsobjekten zählen. Diese Angaben finden sich allein in
Textstellen, deren Ort erst gesucht werden muss. Es sei also dringend
empfohlen, vom Text zu den Bildern zu gehen (nicht etwa umgekehrt!) und
das Buch linear zu lesen. Dann ist es ein Ariadnefaden durch das
Labyrinth mit Namen Kircher.

Schlussbemerkungen
Das Buch geht auf eine Dissertation zurück, die am Kunsthistorischen
Institut der Humboldt-Universität Berlin entstand. Es finden sich nur
wenige Druck- und Verweisfehler, man vermisst allenfalls ein Register.
Doch sind dies Kleinigkeiten angesichts der ‘Herkules-Arbeit’ (im
vielfachen Sinne des Wortes), die Angela Mayer-Deutsch geleistet hat.
Sie hat ihrem Buch eine seltsam schwebende Erinnerung von Walter
Benjamin voran gestellt, und zwar aus dessen ‘Berliner Kindheit um
Neunzehnhundert’. Dem staunenden Kind schienen die Äpfel der Hesperiden
auf Booten den Landwehrkanal heraufzukommen, um an der Brücke
anzulegen. Es war die Brücke des Herakles.

Anmerkungen:
[1] Frances A. Yates: Giordano Bruno and the Hermetic Tradition,
London/New York 1964.

[2] ‘The Ecstatic Journey: Athanasius Kircher in Baroque Rome’, Chicago
University 2000. – ‘The Great Art of Knowing. The Baroque Encyclopedia
of Athanasius Kircher’, Stanford University 2001. – ‘Athanasius
Kircher. Il Museo del Mondo’, Palazzo di Venezia Rom 2001. – ‘Barock im
Vatikan 1572-1676. Kunst und Kultur im Rom der Päpste’, Kunst- und
Ausstellungshalle der BRD Bonn 2005-06.

[3] Stephen Greenblatt: Shakespearean Negotiations: The Circulation of
Social Energy in Renaissance England, 1988 (dt. Verhandlungen mit
Shakespeare. Innenansichten der englischen Renaissance, Berlin 1990)

[4] Ingrid Drake Rowland: The Ecstatic Journey. Athanasius Kircher in
Baroque Rome, Chicago: University of Chicago Press 2000, S. 15f.

Redaktion: Karin Leonhard

Recommended Citation / Empfohlene Zitation:
Peter Bexte: [Rezension zu:] Angela Mayer-Deutsch: Das Musaeum
Kircherianum. Kontemplative Momente, historische Rekonstruktion,
Bildrhetorik, Zürich 2010. In: H-ArtHist, Feb 16, 2011.
<http://arthist.net/reviews/900&gt;.

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