Was erwarten sich Künstler von Portfolio Reviews?

Für das Buch “Nach den Regeln der Kunst” (erscheint 2011) habe ich die Teilnehmer des diesjährigen Portfolio Reviews (organisiert von annika handelt im Rahmen von eyes on) gebeten, mir die Frage zu beantworten, was sie sich von Portfolio Reviews erwarten und inwieweit sich diese Erwartungen erfüllt haben. Hier einige Antworten, mit herzlichem Dank an alle, die mitgemacht haben….


Von einem Portfolio Review erwarte ich mir so etwas wie eine Standortbestimmung, eine möglichst offene Kritik und Beurteilung der von mir vorgelegten Arbeiten von mehreren Fachleuten, die idealer Weise aus verschiedenen Richtungen kommen und daher womöglich unterschiedliche Sichtweisen (sic!) haben. Wie wird meine Arbeit beurteilt, was sind Stärken, was sind Schwächen; auch: wie soll die Reise weitergehen, wie weitermachen? – das sind die Punkte, die mich interessieren. Je “frischer” die Arbeit, desto hilfreicher kann das sein, aber desto mehr exponiert man sich natürlich auch. Sollte dabei auch eine Beteiligung an einem Projekt (Ausstellung, Festival, Buch, …) resultieren – ja; gerne!, aber das ist nicht der primäre Antrieb, sich dem Review auszusetzen.
Gerald Kral


Ich nehme mir immer vor, meine Erwartungen ganz nach unten zu schrauben. Doch nach der vielen Arbeit, die in einem schönen Print Portfolio steckt, wachsen irgendwie meist auch die Erwartungen damit bei jemanden zu landen. Bei den Reviews suche ich mir die Reviewer sehr genau aus und studiere vorher ihre Lebensläufe und überlege mir wie sie mir weiter helfen könnten. Manchmal interessiert mich aber auch nur ihre Meinung weil ich ihre Arbeiten sehr schätze. Aber auch Galeristen von großen Galerien, die mich bestimmt nicht so schnell ausstellen werden finde ich interessant. Von denen lass’ ich mir gerne Ratschläge geben wie und wohin ich meine Fotografie weiter entwickeln könnte. Bei den Reviews ist es meist 50/50. Von 50% der Reviewer erhoffe ich mir direkt etwas – z.B. ein Buchprojekt, eine Ausstellung, etc. Von den anderen 50% hole ich mir ihre Meinung zu meiner Arbeit ein und hoffe auf gutes Feedback und Kritik die mich weiter bringt.
Daniel Gebhart de Koekkoek


Das erste Portfolio Review besuchte ich 2004 in Bratislava, zu einem Zeitpunkt, an dem ich noch nicht wusste, wie es künstlerisch mit mir weitergehen würde. Damals wollte ich vor allem herausfinden, wo ich stehe, Feedback auf meine Arbeiten bekommen und Menschen aus der Fotoszene kennenlernen, die einem vielleicht weiterbringen können. Auf die Portfolio Reviews bin ich eher zufällig gestoßen, das Konzept war neu für mich, aber willkommen, da ich selber etwas zu zurückhaltend bin im Leute direkt kontaktieren.
Damals ergab sich eine Seite in der Wochenendbeilage einer Deutschen Tageszeitung. Diese wurde von einer jungen Kunsthistorikerin gelesen, die mich zu einer Ausstellung nach Frankreich eingeladen hat und mit einer zweiten Kunsthistorikerin eine kleine Broschüre produziert hat.
Heute sehe ich Portfolio Reviews nach wie vor als ein Format, bei dem man geballt Kuratoren mit eigenen Arten konfrontieren und Meinungen einholen kann – auch wenn diese oft im Widerspruch zueinander stehen (10 Leute – 10 verschiedene Meinungen). Durch die verschiedenen Sichtweisen kann man auch selber ein wenig Distanz gewinnen – besonders praktisch bei noch unausgegorenen Projekten.
Es ist eine Methode, das eigene Netzwerk zu erweitern, und nach wie vor besteht die Hoffnung, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, wobei man realistisch sein muss – viele Reviewer sehen wahrscheinlich hunderte von Portfolios im Jahr und es gilt zu bedenken, dass es ein ziemlich heterogenes Grüppchen mit unterschiedlichen Zielen aus Agenten, Fotozeitschriftherausgebern, Galeristen, Museumskuratoren, Festivalorganisatoren… ist.
Manchmal setze ich die Reviewer als “Testpublikum” ein, um eine finale Auswahl für die oft kostspielige Umsetzung zu treffen.
Ergeben hat sich für mich aus den Reviews Ausstellungen, welche weitere zur Folge hatten.
Ein sehr netter Nebeneffekt ist auch der Austausch mit den anderen Fotografinnen und Fotografen. Sehr oft endet man damit, sich gegenseitig zu “reviewen”, d.h. sich die Arbeiten zu zeigen und Visitenkarten auszutauschen.
Im Wesentlichen erfüllten sich meine – wie ich glaube – realistischen Erwartungen. Ob ich aber zu einem der hochpreisigen Reviews in Birmingham oder Brighton fliegen würde (bei teilweise den gleichen Reviewern), sei ob der Gegenüberstellung Kosten zu Nutzung aber dahingestellt. Es müsste die Welt auf mich gewartet haben – und dann würden die Leute zu mir kommen…
Oder kurz:
Erwartungen = Feedback, konkrete Projekte, z.B. Ausstellungen, Kontakte (gutes matching)
Erfüllung = Feedback, Kontakte (allerlei), Projekte – eher langfristig zu sehen
Gerlinde Miesböck


Dies war mein erstes Portfolio Review und ich erwartete mir nichts spezielles davon. Ich buchte sechs Meetings und fünf davon waren wirklich cool. Ich machte neue Kontakte, eigentlich mehr als ich bewältigen konnte, und war erstaunt von der Qualität des Feedbacks, besonders weil das Zeitkorsett doch eng war.
Daniele Ansidei


Ein fachliches Feedback zu meiner Arbeit zu bekommen, vielleicht auch etwas Auseinandersetzung darüber (im Rahmen der zeitlichen Möglichkeiten), ein etwas besseres „Gespür“ dafür zu bekommen, wo ich mit meiner Arbeit im Verhältnis zu den anderen liege, Kontakte zu knüpfen mit Reviewern.
Von den 6 Reviewern, die ich „gebucht“ hatte, gaben drei davon wirklich interessante und aus meiner Sicht wertvolle, fachliche Feedbacks, zwei von diesen waren sehr wertschätzend, einer war offenbar schon müde (und ich auch), eine war sehr viel jünger als ich, wir haben uns irgendwie nicht „getroffen“ (was halt auch vorkommt), und einer war für mein Empfinden anmaßend und unangenehm, ohne einen für mich erkennbaren fachlichen Input. Ich habe diejenigen besonders geschätzt, die von ihrer Erfahrung auch etwas preisgegeben haben – ich denke, es sollte auch ein Geben und Nehmen in der Kommunikation sein.
Das Zeitkorsett fand ich etwas zu eng, 20 Minuten sind wirklich sehr, sehr wenig, wenn man sich auch etwas auf sein Gegenüber einstellen will und soll, und dann doch über mehrere Arbeiten reden.
Insgesamt finde ich es SEHR gut, dass es das gibt – im Bereich der Bildenden Kunst kann man nur träumen davon!
Cornelia Mittendorfer


Ich muss vorausschicken, dass dies das erste Review war, an der ich teilgenommen habe. Deswegen wusste ich im vorhinein nicht so recht, was ich mir davon erwarten sollte. Außerdem hatte ich davor auch noch wenig Kontakt zur ‘professionellen’ Kunstwelt im Sinne von Galeristen, Kuratoren etc. Meine wichtigste Erwartung, in einer kurzen Zeit und an einem Ort Kontakt zu einer größeren Anzahl von Menschen, die professionell in der Kunstwelt arbeiten, zu bekommen. Weiters erwartete ich mir subjektive Meinungen und Kommentare über meine Fotografien, getätigt von Menschen, die zu den ‘Auskennern’ in diesem Kunstbereich zählen. Da ich die letzten Jahre bewusst nur mit der Produktion von Fotoserien zugebracht habe, ohne diese auszustellen oder anderweitig zu präsentieren, war es für mich aus meiner aktuellen Situation heraus auch ein Wunsch, aus den Expertenmeinungen eine Art “Standortbestimmung” zu bekommen, im Sinne von: wo stehe ich? wo passen meine Sachen dazu? Was lesen Experten daraus? Und, darüber hinaus, aus den Gesprächen auch Inspirationen und Denkanstöße zu erhalten, vor allem im Hinblick auf meine zukünftigen Arbeiten. Es wäre gelogen zu behaupten, dass ich die Möglichkeit, potenzielle Galerien oder sonstige Kooperationsmöglichkeiten zu finden, nicht im Hinterkopf gehabt hätte. Wenngleich ich diese Erwartung bewusst eher klein gehalten habe, um nicht enttäuscht zu sein, wenn sich nichts ergibt.
Rückblickend betrachtet haben sich meine Erwartungen mehr als erfüllt- es haben sich interessante Kontakte ergeben, die, wie es derzeit aussieht, auch in konkrete gemeinsame Projekte münden werden. Außerdem habe ich in den Gesprächen sehr viele interessante Informationen, Kommentare und Denkanstösse zu meinen Arbeiten bekommen – mein Kopf war hinterher übervoll mit Gedanken, die die Gespräche ausgelöst haben. Überraschend und gleichzeitig im positiven Sinne fordernd war, was die Experten aus den Bildern herausgelesen haben und in welcher Art und Weise sie die Arbeiten kommentiert haben. Es waren einige Anmerkungen dabei, die mich auf neue Gedanken gebracht habe, oder auch mir Zusammenhänge und Assoziationen vermittelt haben, auf die ich selber nie un nimmer gekommen wäre. Also sehr viel Gehirnfutter in sehr kurzer Zeit und in angenehmer Atmosphäre. Ich würde jedenfalls allen Teilnehmern einer Portfolio Review raten, sich den restlichen Tag nicht mehr allzu viel vorzunehmen, um die vielen Eindrücke verarbeiten zu können.
Klaus Pichler


Ich wollte vor allem einen Außenseiterstandpunkt von Seiten der professionellen Fotografieszene einholen. “Außenseiter” im geografischen Sinne, weil viele meiner Fotos in entlegenen Russischen Provinzen aufgenommen sind und aus einem ausgeprägten lokalen und sozialen Zusammenhang stammen. Außenseiter aber auch, weil sie aus einem anderen professionellen Kontext kommen.
Ich wollte meinem Projekt eine neue Stoßrichtung geben, neue Arten finden, das Material zu gliedern. In diesem Sinne war ich sehr angetan vom nützlichen Feedback, das ich durch das Portfolio Review erhielt.
Nach den Meetings verstand ich den Unterschied zwischen einem Buch- und einem Ausstellungsprojekt besser. Man half mir, meine Arbeiten neu zu organisieren und gab mir Tipps, wie ich weitermachen könnte, bzw. welche Institutionen für mich interessant sein könnten.
Anna Antonova


Ich erwarte gute und nützliche Ratschläge zu meiner Arbeit. Im Fall von unfertigen Projekte, sind das Ratschläge, die mich zum nächsten Schritt führen, im Fall von abgeschlossenen Projekten, Ratschläge bezüglich der richtigen Präsentationsform, -ort und –medium.
Außerdem erwarte ich Kuratoren und Herausgeber zu treffen, die daran interessiert sind, meine Arbeiten in Form von Ausstellungen oder Publikationen zu präsentieren, und eine Galerie, die mich vertritt.
Ich genieße den Gedankenaustausch mit den Reviewern, ihre Ansichten und Erfahrungen in Bezug auf die Kunstwelt helfen mit sehr, meinen eigenen Weg in diese zu finden.
Lilla Szász


Ich habe zum ersten mal bei PF Review mitgemacht, da ich von der Skulptur komme und erst in letzter Zeit hauptsächlich Fotos mache. Da die Fotografie für mich immer wichtiger geworden ist, habe ich mich entschlossen mir mal so eine PF Review anzuschauen. Was das jetzt für mich bringt weiß ich natürlich nicht. Einige der Kuratoren waren mit Fotos von in Szene gesetzten Skulpturen heillos überfordert, andere wiederum waren sehr angetan und überrascht… und einer hat sogar schon auf mich gewartet. Man wird sehen – oder auch nicht.
Arnold Reinisch


Ich sehe einen Portfolio Review als einzigartige Möglichkeit, konzentriertes Feedback einer ausgewählten Fach-Jury zu bekommen. Man lernt über Stärken und Schwächen der eigenen Arbeit, wie man seine Arbeiten und sich selbst präsentieren, kommentieren und auch verkaufen kann. Durch die spezielle Art der Abwicklung (Speed Dating) ist man gezwungen, sich in kurzer Zeit auf zahlreiche verschiedene Personen ein- und umzustellen. Dies ist auch für andere Aktivitäten sehr hilfreich: Zuhören lernen und seine Sprache je nach Empfänger zu wechseln.
Als Neu-Einsteiger und „Teilzeit-Künstler“ wurden meine Erwartungen gänzlich erfüllt, sodass ich meine Prioritäten für das kommende Jahr passend setzen kann.
Gernot Singer


Bisher habe ich an vier recht verschiedenen Reviews in Deutschland und Österreich teilgenommen und sehr gute Erfahrungen gemacht. Zwei von ihnen waren Teil von Festivals, die ich besucht habe. Die Kombination beider Formate finde ich gelungen, da ich neben den Gesprächen zu meiner eigenen Arbeit auch andere interessante Veranstaltungen und Ausstellungen sehen konnte. Als Reviewer erwarte ich bei solchen Veranstaltungen Personen, die in einem verwandten Gebiet arbeiten. Bei einem Fotobuchfestival z.B. rechne ich mit Personen, die in der Buchbranche tätig sind. Innerhalb eines Festivals für zeitgenössische Kunst oder bei einem unabhängigen Portfolioreview-Format denke ich an einem größeren Reviewerkreis, der Interesse an zeitgenössischer (junger) Kunst hat. Ich hoffe auf Fachpublikum, das in der Region arbeitet, beispielsweise bei Galerien, Verlagen oder mit Sammlern. Review-Formate, die neben den Fachgesprächen auch einen Austausch zwischen den teilnehmenden Fotografen und Künstlern fördern, sind meine Favoriten. Feste Termine machen in meinen Augen Sinn, um Fachpublikum kennen zu lernen. Losere Formate, wie Portfoliowalks finde ich gut, um bestehende Kontakte aufzufrischen.
Katrin Kamrau

 

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